Zukunft mit Aussicht

Mehr Optimismus bitte!

Unser Gehirn und die Zukunft

Unser Gehirn ist ganz sicher ein Wunderwerk der Natur, aber was die Zukunft betrifft, kann es auch nicht mehr als raten.

Das Gehirn auf Abwegen

„Alles wird immer schlimmer!“ – so lautet das allgemeine Wehklagen über die Schlechtigkeit der Welt. Wenn wir ganz ehrlich auf das eigene Leben zurückblicken, werden wir feststellen, dass eigentlich alles kontinuierlich besser geworden ist. Sicher gab es hie und da Krisen, aber im Großen und Ganzen ist eine insgesamt aufsteigende Tendenz ohne viel Mühe erkennbar.

Also lügen wir uns selbst in die Tasche? Das kann doch eigentlich nicht sein, oder? Nein, es ist auch nicht so, denn das wäre ein leicht lösbares Problem, ab morgen müssten wir nur ehrlich sein und uns jedes Mal mit einem güldenen Stern (Schokolade geht auch!) belohnen.

Die Sache ist wesentlich komplizierter, denn wir haben diese Wundermaschine unter der Schädeldecke, die bisher sehr gut für uns gesorgt hat. Offenbar will sie aber leider nicht kapieren, dass wir nicht mehr in der Steinzeit leben.
Unser Gehirn bereitet seit Urzeiten alle Daten und Informationen, die es empfängt, zu einem handlichen Paket auf, das wir dann unser Weltbild nennen. So auch heute.

Effizienz statt Wahrheit

Unser Gehirn ist permanent um Effizienz bemüht und deshalb muss es bedauerlicherweise sehr oft auf nicht zutreffende Abkürzungen zurückgreifen. Um in einem Meer von Informationen dafür sorgen zu können, wofür das Gehirn eigentlich zuständig ist – dass wir überleben – muss es vieles ignorieren, es kann sich schliesslich nicht um jede „Kleinigkeit“ kümmern. Wenn also eine Information halbwegs vernünftig erscheint, dann wird sie mit ziemlicher Sicherheit, ohne die rationale Kontrollinstanz passieren zu müssen, den langen Weg zum zentralen Datenspeicher schaffen, wo sie dann völlig unkontrolliert das Lebensgefühl des Eigentümers vergiften kann.

Die Zeit, in der wir heute leben, ist ganz sicher nicht schlechter als die Epochen unseren Ahnen und ich bin mir sicher, dass, wenn es eine wirklich realistische Möglichkeit gäbe, in die Vergangenheit zurückzukehren – egal in welches Jahrhundert – dann würde wohl kaum jemand den heutigen Komfort freiwillig aufgeben. Auch wenn der Blick in die Vergangenheit oft romantisch verklärt ist, wissen wir in unserem Innersten, dass die Vergangenheit sich doch sehr von den Hollywood-Schinken unterscheidet, aus denen unsere Sehnsüchte geboren sind. Die Vergangenheit ist einfach eine wunderbare Projektionsfläche, auf die wir alles, was wir heute zu vermissen glauben, projizieren können.

Das Ende der alten Ordnung

Allerdings haben wir heute tatsächlich ein großes Problem: Orientierungslosigkeit und Ungewissheit sind erheblich angewachsen, zumal es keine Ordnung gibt, unter der wir uns wie unter einem großen Schirm verstecken könnten. Noch vor nicht langer Zeit hat „Gott“ für allerlei Unbill hergehalten, man hat „ihm“ einfach unterstellen können, dass „er“ wohl weiß, was am besten für uns ist und wenn das Schicksal mal wieder übel zugeschlagen hat, dann wurde das als „Gottes Wille“ akzeptiert, als Strafe für unsere Sünden, irgendein Vergehen findet sich ja immer.

Heute sind wir überwiegend für uns selbst zuständig, wenn es um die Lebensgestaltung geht. Der „liebe Gott“ wird zwar als Metapher immer noch gerne herbeizitiert, aber summa summarum haben wir ihn erfolgreich in Rente geschickt und müssen jetzt sehen, wie wir ohne ihn klarkommen.

Also sind wir alle gefordert, aus teilweise gegensätzlichen Informationen ein Weltbild zu erstellen, von dem uns nicht schwindelig wird und das wenigstens einige Zeit von Bestand sein kann. Hierzu müssen wir als Erstes lernen, Informationen herauszufiltern, denn die Kakophonie der Medien wird sehr schnell zu einem unerträglichen Lärm, in dem wir nichts mehr hören und vor allem nur noch sehr wenig verstehen können.

Das Gehirn verstehen lernen

Aber vielleicht ist es noch viel wichtiger zu lernen, wie unser Gehirn funktioniert; wie unser geniales Oberstübchen zu teilweise völlig unverständlichen Verzerrungen und Fehlurteilen kommt, obwohl wir doch ganz fest glauben, dass wir sehr wohl rationale Wesen sind.

In unserem Alltag bedienen wir uns permanent Heuristiken, um nicht über jedes einkommende Signal explizit nachdenken zu müssen. Wir haben in vielen Situationen sehr leicht Schätzungen zur Hand. Zum Beispiel würde niemand beim Autofahren auf die Idee kommen, die Entfernung zum nächsten Auto mit einem Zollstock genau auszumessen. Die Entfernung wird geschätzt. Meistens sogar richtig. Die kleinen Abweichungen, die sich bei derartigen Schätzungen ergeben, können wir recht gut kompensieren.
Zumindest, wenn es um Entfernungen geht.

Schwieriger wird es, wenn es um Entscheidungen und klare Urteile geht, dort sind die Schnellschüsse meistens falsch. Wir sprechen von Vorurteilen.

Vorurteile aus der Vergangenheit

Vorurteile sind im Grunde genommen auch nichts anderes als Schätzungen. Nur im Gegensatz zu anderen Schätzungen können Vorurteile so mächtig sein, dass wir unser gesamtes Verhalten nach ihnen ausrichten. Unsere Vorurteile sind Urteile über die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Ereignis eintreten wird und diese Wahrscheinlichkeiten haben einen enormen Einfluss auf unser heutiges (!) Befinden und Verhalten.

Da wir keinerlei Informationen über die Zukunft haben, greifen wir auf das zurück, was uns sicher erscheint, nämlich unsere gesammelten Daten und Informationen aus der Vergangenheit.
Es scheint eigentlich logisch zu sein, dass das nicht richtig sein kann. Denn wie könnten wir die Zukunft mit den gleichen Maßstäben messen wie die Vergangenheit?

Wie könnten wir für etwas, was noch nicht stattgefunden hat (und vielleicht sogar nie stattfinden wird) die gleichen Methoden verwenden, mit denen wir vollkommen andere Ereignisse, in einer anderen Zeit in anderen Zusammenhängen und unter völlig anderen Bedingungen, bewältigt haben?
Erschwerend hinzu kommt noch unsere Neigung zur selektiven Wahrnehmung. Das bedeutet, dass wir bevorzugt Informationen als „wichtig“ wahrnehmen, die unsere Vorurteile bestätigen. Es kann sogar soweit gehen, dass abweichende Informationen nicht nur abgewertet, sondern nicht einmal wahrgenommen werden.

Durch die ständige Bestätigung der vorhandenen Glaubenssätze werden sie so tief verankert, dass wir sie gar nicht mehr als Problem erkennen und uns dementsprechend natürlich um keine Lösung bemühen.
Soweit so gut, damit könnten wir noch leben, das ist nun mal der Preis, den wir für die unglaubliche Effizienz unserer Denkmaschine zahlen müssen.

Negative Erwartungen

Was uns aber am meisten daran hindert, optimistisch in die Zukunft zu blicken, sind unsere negativen Vorurteile. Dazu gehört auch, dass wir uns selbst oder unsere Zukunftsaussichten, also alles, was wir glauben, kontrollieren zu können, in der Regel wesentlich positiver bewerten als die Zukunftsaussichten von anderen.
Und wenn es um die planetare Zukunft geht, dann sind die meisten von uns fest davon überzeugt, dass dieser Planet noch zu ihren Lebzeiten implodieren wird. Interessanterweise hält sich dieses Gerücht bereits seit vielen Tausend Jahren, nachzulesen in der gesamten Weltliteratur.

Der Zukunftspessimismus scheint also einen – wenn auch zumindest mir unbekannten –Zweck zu erfüllen, ist es vielleicht so etwas wie ein sozialer Klebstoff? Ist das gemeinsame Beklagen über die Schlechtigkeit der Welt ein Ritual unter Freunden? Ein Signal von Verständnis und Solidarität? Auf jeden Fall scheint gemeinsames Leiden weit mehr verbindende Kraft zu entfalten als Freude.

Wie schon beschrieben sind wir permanent dabei, Informationen zu filtern und zu sortieren. Den meisten Daten, die auf uns einprasseln, schenken wir überhaupt keine Aufmerksamkeit. Da unser Gehirn aber darauf trainiert ist, uns das Überleben zu sichern, reagiert es sofort mit erhöhter Aufmerksamkeit, wenn es Nachrichten empfängt, die eventuell auch für uns selbst bedrohlich werden könnten.

Wenn die Amygdala Alarm schlägt

Die Amygdala ist sozusagen das Tor, an dem Informationen vorbei müssen, und es fungiert als Frühwarnsystem, um in Notsituationen sofort reagieren zu können. Im normalen Modus passiert rein gar nichts.

Die Amygdala ist wie die verschlafene Passkontrolle an irgendeinem Grenzübergang, der nur sehr selten frequentiert wird. Sobald gefühlte Gefahr droht, wird sie hochgradig aufmerksam, schaltet die „Kämpf- oder Fliehmaschine“ ein, wir werden mit Adrenalin vollgepumpt und sind voll und ganz bereit, um unser oder um das Leben unserer Lieben mit allen Konsequenzen zu kämpfen. Eigentlich eine phantastische Überlebensstrategie, zumindest dann, wenn man als Sammler und Jäger mit der gesamten Nachkommenschaft in der Wildnis überleben muss.

Diese Reaktionen sind sogar derart heftig, dass sie kaum abgestellt werden können, bevor eine Lösung für die Bedrohung gefunden wird. Irgendwie hat unser evolutionär geprägtes Gehirn bis heute noch nicht begriffen, dass wir einen Großteil unserer Zeit in zentralbeheizten Räumen verbringen und die einzigen Tiere, mit denen wir unseren Lebensraum teilen, schnurrende oder bellende Wollknäuel sind.

Der Kühlschrank ist voll, benachbarte Stämme werden vermutlich auch nicht mehr auf Beutezüge gehen, also könnten wir diese überaus lästige, Zeit und Energie raubende Alarmbereitschaft endlich abstellen. Aber nein. Wir sind regelrecht süchtig nach schlechten Nachrichten und sei es ein umgekippter Bus in den Anden, die Angstmaschine poltert sofort los und wir tun so, als würde ein Säbelzahntiger direkt unter unserem Schreibtisch nur darauf lauern, uns zu zerfleischen.

Und die Medien, die verständlicherweise alle um die Gunst des Publikums buhlen, nutzen diesen Mechanismus nur allzu gern und füttern uns ständig im Viertelstundentakt mit den ersehnten Katastrophen.

Die suggestive Macht der Nachrichten

Wir nehmen täglich, vielleicht sogar stündlich weit größere Mengen an Informationen auf, für die unsere Ahnen ein ganzes Leben gebraucht haben.
Ein beträchtlicher Teil dieser Informationen ist negativ und so entsteht unsere Vorstellung von einer kalten, gewalttätigen Welt, in der „alles immer“ schlimmer wird, bis die Welt eines Tages (vermutlich in naher Zukunft) dann ganz untergeht.

Wir müssen uns ganz bewusst und konkret mit positiven Nachrichten konfrontieren. Und auch hierbei können wir unser Primatenhirn sehr einfach austricksen, denn unser Gehirn liebt Zahlen. Diese scheinen ihm eindeutig und glaubwürdig genug, um sie für bare Münze zu nehmen.

Und wenn also sein vernünftigerer Teil ihm klar macht, dass der Säbelzahntiger vor xyz Jahren bereits ausgestorben ist, dann bekommt man den alarmierten Teil nach einiger Übung dazu, dass er zwar hochfährt, aber sich selbst dabei nicht so bierernst nimmt.
Wenn wir uns also glaubwürdige Zahlen anschauen, die alle bestätigen, dass es der Menschheit noch nie zuvor so gut gegangen ist wie heute, dann können wir auf ein optimistisches Weltbild hoffen.

Die Angst vor der Zukunft werden wir allerdings nie ganz und gar verlieren, denn in einem Punkt ist sie sogar gerechtfertigt: irgendwann wird unser Leben enden, das Einzige, was wir also über die Zukunft tatsächlich wissen können, ist die Unvermeidbarkeit unseres Ablebens. Bis dahin vergeht aber hoffentlich noch recht viel Zeit. Und diese kostbare Lebenszeit, die uns von der Evolution eingeräumt wird, können wir ganz sicher besser nutzen, als uns vor einer Zukunft zu fürchten, die ganz und gar unplanbar ist.

Mehr Optimismus bitte!

Deshalb sollten wir schleunigst beweisen, dass wir nicht nur eine Begabung für vernünftige Urteile haben, sondern vernünftig genug sind, nicht alles blanko zu glauben, womit uns unser Gehirn konfrontiert.
Stattdessen sollten wir unser Vertrauen in die Zukunft investieren, denn wenn wir tatsächlich alle glauben, dass „alles immer schlimmer“ wird, dann kann es eigentlich gar nicht gut werden. Schlimmer noch.

Was in Zukunft auch alles geschehen mag, es ist die Gegenwart, die wir uns mit Dauerstress freiwillig vergiften.
Ich möchte dafür plädieren, dass wir einfach das Beste annehmen, das sind wir uns selbst und unseren Kindern schuldig. Mehr Optimismus bitte!

2016-07-16T08:40:14+00:00

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