Künstlerseele ist Menschenseele

Wie man sich vor Angst und negativen Gefühlen schützen kann

Geistige Nahrung sollte mindestens genau so sorgfältig ausgewählt werden, wie die Nahrung für den Körper.

Die Künstlerseele

Es gibt viele Vorstellungen darüber, wie Künstler sind, oder nicht sind und die meisten treffen auf mich überhaupt nicht zu. (Übrigens auch nicht auf andere Künstler, die ich kenne.) Ich lebe ein relativ normales Leben, habe Kinder großgezogen, arbeite viel und gerne und bin sogar ausserordentlich diszipliniert.
Man sagt auch, dass eine Künstlerseele besonders „gefühlig“ sei und das trifft tatsächlich auch auf mich zu; ich bin durch und durch ein „Sensibelchen“.

Schattenseiten der Offenheit

Das bedeutet, dass ich wie ein trockener Schwamm durch das Leben gehe und alles, was mir begegnet ungefiltert aufnehme. Eigentlich ist es logisch, denn seit einem halben Jahrhundert arbeite ich daran, dass wenigstens ein Teil der Bilder, die in mir sind, möglichst ungehindert „rausfliessen“ können.

Das bedeutet jedoch auch, dass ich über die Jahrzehnte eine Offenheit kultiviert habe, die keine Einbahnstrasse ist. Dort wo viel rausgeht, kann auch viel reingehen. Ich habe mehr oder weniger alle mentalen Schutzmauern niedergerissen, um so intensiv malen zu können, wie ich es tagaus tagein tue.

Deshalb musste ich mir einige Regeln auferlegen, die ich tatsächlich sehr streng befolge.
Hier möchte ich lediglich auf zwei meiner wichtigsten Entscheidungen eingehen, weil sie eventuell auch für „Nichtkünstler“ relevant sein könnten; das Konsumieren von täglichen Nachrichten und Filmen.

Fiktion oder Wirklichkeit?

Die Erkenntnis, dass ich mir keine Filme anschauen darf, in denen Gewalt in jeglicher Form vorkommt, habe ich schon sehr lange. Seit vielen Jahren verweigere ich mich deshalb dem Fernsehen, weil ich gar nicht erst in die Versuchung geraten möchte, beim zappen doch etwas anzuschauen, was mir nicht gut tut.

Ich habe ohnehin noch nie verstanden, weshalb sich Menschen freiwillig so viel Beängstigendes und teilweise Ekel erregendes anschauen, wie sie schon teilweise in dümmlichen Vorabendkrimis dargeboten werden.

Unser Gehirn reagiert nämlich auf die unechten Darstellungen mit echten Gefühlen. Angst wird tatsächlich als Angst erlebt, auch wenn die Vernunft sagt, dass es sich nur um Schauspieler in einem Film handelt. Das Grauen von Horrorfilmen, wird als echtes Grauen erlebt, ebenso wie auch Demütigungen und Erniedrigungen, Gewalt und Brutalität.
Deshalb frage ich mich, welchen Gewinn uns eigentlich der Anblick von Maden, die sich durch blutgetränkte Leichenteile fressen, bringen soll? Oder wenn wir als Zuschauer die Grausamkeiten, die sich Menschen gegenseitig antun könnten indirekt miterleben, worin liegt da der Nutzen? Ich finde absolut keinen, ganz im Gegenteil. Wir setzen uns freiwillig völlig unnötigem emotionalen Stress aus. Die Bilder, die wir sehen, bleiben für immer gespeichert. Die Gefühle, die wir beim Zuschauen erleben, gehören dann zu uns, als hätten wir das Schreckliche selbst erlebt.
Ich persönlich habe also vor vielen Jahren schon entscheiden, dass ich mich all dem nicht aussetzen muss und halte mich konsequent daran.

Die Nachrichtenflut

Der nächste Punkt auf der Liste meiner Schutzmaßnahmen ist die konsequente Kontrolle wieviel und welche Nachrichten ich täglich konsumiere. Auch hier gilt nämlich das Selbe, wie bei Filmen, nur die Wirkungen sind noch fataler, da es sich bei Nachrichten eben nicht um Fiktion handelt, sondern um Ereignisse, die tatsächlich eben gerade irgendwo in der Welt stattgefunden haben. Und von diesen Ereignissen gibt es sehr , sehr viele und es gibt ebenso viele Nachrichtenmedien, die sie in Windeseile verbreiten.
Ob es sich hierbei um Naturkatastrophen, Kriege, Unglücke oder Terroranschläge handelt. Niemandem ist geholfen, wenn sich der halbe Planet tagelang mit nichts anderem beschäftigt, als mit den unzähligen Informationen, die nach grösseren Ereignissen permanent auftauchen. Es dauert einige Tage, dann ist das Ereignis ohnehin verschwunden. Die nächste Sensation lässt aber nicht lange auf sich warten und so geraten wir, ohne es zu merken in eine Art Perpetuum Mobile von sich ständig abwechselnden Katastrophen und Angst.

Es ist leider so, dass unsere Gehirne negativen Nachrichten gegenüber wesentlich aufmerksamer reagieren, als positiven. Das macht sogar Sinn, denn der Jäger und Sammler war darauf angewiesen Gefahren möglichst frühzeitig zu erkennen.

Aber wir leben im 21. Jahrhundert und die meisten Nachrichten, die uns ständig überrollen, weisen nicht auf Gefahren hin, die wir vermeiden sollen. Und dennoch erleben wir sie, als hätte das Massaker direkt vor unserer Haustür stattgefunden. Es scheint, als würden wir die Opfer und deren Angehörige selbst kennen, wir trauern mit ihnen, wir teilen die hilflose Wut mit ihnen und können uns kaum oder gar nicht aus dieser emotionalen Klammer befreien.

Mentalhygiene

Das sind meiner Ansicht nach zwei Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass übermässige Angst und auch sonstige Störungen im emotionalen Haushalt so enorm zugenommen haben. Hinzukommt, dass viele Menschen tatsächlich glauben, dass das Leben auf diesem Planeten immer grausamer, gewalttätiger und insgesamt schrecklicher wird.
Wenn man sich jedoch die tatsächlichen Zahlen anschaut, dann wird man sehr leicht feststellen können, dass genau das Gegenteil der Fall ist.

Wir tun so viel für unsere körperliche Gesundheit und Fitness, wir waschen und putzen uns und achten sorgfältig auf unser Aussehen. Wenn es aber um unsere mentale Gesundheit geht, dann glauben scheinbar immer noch viele Menschen, dass sie ihren Geist gar nicht pflegen müssen und sie stopfen sich ständig mit ungesundem Zeug voll. Die Künstlerseele darf, nein muss sogar „baumeln“ und träumen, aber sich selbst erlaubt man solche Extravaganzen nur selten, oder gar nicht.

Ich möchte natürlich nicht jedem den totalen Verzicht auf Filme oder Nachrichten predigen. Auch ich lese Nachrichten, aber sehr bewusst und nur das Nötigste. Ich finde es jedoch sehr wichtig für jeden, die Kontrolle zu behalten und immer sehr wohl zu überlegen, was man sich zumuten möchte.

Und hier noch einige kleine Tipps:
1.
Überfliegen Sie bitte einmal sehr schnell die Headlines irgendeiner Online Zeitung. Beobachten Sie sich dann, wo ihre Augen automatisch länger verweilen. Dann schauen Sie sich bitte die Wörter an, die Sie offenbar dazu gebracht haben, die Headline gewissenhafter zu lesen. Sie werden feststellen, dass es sich sehr häufig um Wörter handelt, die man sonst nur im Zusammenhang mit Kampf, Krieg und Katastrophen verwendet.

2.
Seien Sie besonders vorsichtig, wenn Aussagen mit den Worten: „immer mehr“ oder „immer weniger“, beginnen. Die danach folgenden Informationen sind meistens falsch, denn es mag vielleicht stimmen, dass immer mehr Menschen an Krebs erkranken, wenn man nur die Zahl der Erkrankungen berücksichtigt. Wenn man die Zahl der Erkrankungen jedoch mit dem Bevölkerungswachstum in Beziehung setzt, dann kommt man zu einem völlig anderen Ergebnis.

3.
Schauen Sie sich ganz bewusst einige Bilder an, von denen Sie annehmen würden, dass sie bei Ihnen Angst oder Ekel auslösen könnten. Beobachten sie hierbei Ihren Körper, Ihren Gesichtsausdruck, Ihre Gesten. Sie werden feststellen, dass Sie tatsächlich genau so reagieren, als würde es sich nicht nur um ein Foto handeln.

 

Entscheiden Sie selbst, ob Sie bereit sind Ihre Energie für die Bewältigung von völlig unnötigem emotionalen Stress aufzubringen, oder ob Sie Ihre kostbare Zeit nicht doch lieber in etwas investieren, das Sie tatsächlich entspannt und unterhält. Ihr Geist ist nämlich vermutlich ähnlich empfindsam und „gefühlig“, wie die so oft erwähnte Künstlerseele.

2017-11-12T16:24:38+00:00

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