Über die Leidenschaft

Über die Leidenschaft

…die keine Leiden schafft!

Es gibt so viele Wörter, die wir benutzen, ohne je darüber nachzudenken, was sie tatsächlich bedeuten. In letzter Zeit fällt mir immer häufiger das Wort „Leidenschaft“ ins Auge und was ich am erstaunlichsten finde, ist nicht der häufige Gebrauch des Wortes an sich, sondern die Zusammenhänge, in denen es benutzt wird.

Ich lese von „ganzer Leidenschaft“ im Zusammenhang mit Arbeit in Businessmagazinen, in Blogs von Coaches und Trainern, in Imagebroschüren und staune, wie es dieser Begriff geschafft hat, so schnell in die Welt der Wirtschaft einzudringen. Es scheint mir, als wären wir wieder einmal mehr auf der Suche nach neuen Zielen, neuen Inhalten, nach einem neuen Sinn. Haben etwa sechs Jahrzehnte Frieden und vier Jahrzehnte Wohlstand tatsächlich dafür gesorgt, dass wir die Maslowsche Bedürfnispyramide bis ganz oben erklommen haben? Stehen wir nun endlich auf der langersehnten Spitze und sind plötzlich erschrocken ob der vielen Freiheit, die uns der Wind zuweht? Wünschenswert wäre es allemal, denn materieller Wohlstand allein ist mit Sicherheit kein Weg zu langfristiger Zufriedenheit und letzten Endes zu einem erfüllten Leben. Außerdem wissen wir ja bereits, dass die Hedonistische Tretmühle früher oder später aus der Bahn fliegt und wir mit ihm.

Also suchen wir nach neuen Wegen ins Glück und h ahne, dass es ein guter Weg werden könnte, denn die Einsicht, dass Arbeitszeit genauso kostbare Lebenszeit ist, wie die Wochenenden hat ein großes Potenzial Menschen wirklich zu zufriedenen, selbstbestimmten Wesen zu transformieren. Opfer war früher. Opfer zu sein ist out. Heute sind wir alle Macher und Gestalter, auch wenn sich der eine oder andere Zeitgenosse immer noch gerne hinter einer dubiosen Obrigkeit versteckt, dem er bei drohendem Unbehagen über das eigene Versagen die Schuld zuschieben kann. „Ich habe doch keine andere Wahl!“ oder „Was kann ich alleine schon ausrichten?“ sind Sätze bzw. Haltungen, die vielleicht berechtigt waren, als Millionen Menschen von Kindesbeinen an täglich 12 und mehr Stunden am Fließband geschuftet haben, um nicht zu verhungern. Wir haben heute alle eine Wahl! Und jeder von uns kann sehr viel ausrichten! Viele junge Menschen beklagen sich sogar eher darüber (zurecht), dass sie sich fürchten, in der Vielzahl der Möglichkeiten, die sich ihnen offenbaren, zu ertrinken. Und das Internet ist inzwischen zu einem immensen Machtinstrument geworden, sei es, um sich Politisch einzumischen, oder sich als Konsument gegen mangelnde Qualität von Waren, unethischem Verhalten von Unternehmen, etc. zu Wehr zu setzen.

Das Problem ist nicht, dass wir nicht frei sind zu tun und zu lassen, was wir wollen. Das Problem ist, dass wir nie gelernt haben mit dieser Freiheit umzugehen, die sich heute mehr oder weniger allen Bewohnern der Industrienationen bietet.

Ich zumindest kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind dazu erzogen wurde meine eigenen Entscheidungen zu fällen, meine Talente zu entdecken und zu pflegen und eine Lebensvision zu entwickeln. Und mal ganz ehrlich, haben wir selbst unsere Kinder wirklich zu freien und mündigen Bürgern erzogen?

Aber zurück zu Leidenschaft. Oder mit ganzem Herzen etwas tun, oder im Flow sein……egal wie man es auch nennen mag, es hat in erster Linie mit der persönlichen Freiheit zu tun. Niemand wird etwas mit ganzem Herzen tun können, wenn er es nur tut, weil er keinen Ärger haben will, oder weil er weiß, dass es von ihm erwartet wird. Auf diese Art macht man Dienst nach Vorschrift, bringt aber ganz sicher nicht alles was man ist, alles was man hat, ein.

Mit ganzer Leidenschaft etwas zu tun bedarf der tiefen Überzeugung, dass man dies oder jenes tun will! Also nicht muss, sondern will! Aber wenn man etwas tun will, wenn man sich aus freiem Willen dazu entschlossen hat eine Tätigkeit – welcher Art auch immer – von Anfang bis zum Ende durchzuführen, dann hat man auch die Konsequenzen zu tragen wenn man scheitert, dann gibt es keinen Sündenbock, den man im Notfall verantwortlich machen kann. Dann gibt es nur dieses „ich“, dieses zerbrechliche auf Lob und Tadel trainierte, zutiefst auf Anerkennung, Wohlwollen und Liebe angewiesenes Wesen, das ein Versagen nicht ertragen könnte, ohne sich dabei bis ins innerste Mark verletzt und abgrundtief beschämt zu fühlen. Bloß nichts falsch machen, bloß nicht negativ auffallen.

Das haben wir gelernt, darin sind wir gut, wozu also die gewohnte Komfortzone verlassen?

Weil es auf Dauer unerträglich ist, sich immer nur zu fügen, sich immer nur wegzuducken. Es macht krank, es macht unglücklich und es gibt wohl kaum eine schlimmere Art der Unzufriedenheit und der Langeweile, als die eines durch und durch satten, mit allem bestens versorgten Menschen.

 

2014-11-19T19:05:12+00:00

Leave A Comment

Diese Website benutzt Cookies. Wenn Sie die Website weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus. Ok, Danke