Kreative Zukunftsentwürfe

Das nicht denkbare denken.

Kreative Zukunftsentwürfe

An manchen Tagen wähle ich mir gerne ein Zitat, oder eine kleine Geschichte aus, um mich dann möglichst mit nichts anderem zu beschäftigen, als mit diesen wenigen Worten.

Nicht etwa, weil ich zu faul zum Lesen bin – die meisten Bücher, aus denen ich die Zitate auswähle, habe ich sogar mehrfach gelesen – sondern, weil es eine ganz besonders intensive Art ist, sich mit dem Gedanken eines anderen Menschen zu befassen, als ein Buch zu lesen.

Wenn man ein Buch liest, dann taucht man in die Gedankenwelt des Schreibers voll und ganz ein, wenn man sich jedoch nur mit einem einzigen Zitat befasst, holt man sozusagen ein Stück aus der fremden Weltidee in sich selbst hinein, kann sie mit den eigenen Erfahrungen abgleichen und sie dadurch das gewohnte Weltbild aus einer vollkommen neuen Perspektive betrachten.

Außerdem ist es auch sehr häufig so, dass gerade die wenigen Worte vielleicht sogar besser geeignet sind, die Essenz einer großen Idee zu komprimieren. Nicht weil sie so beliebig sind, wie Tageshoroskope, sondern weil sie tiefe Einsichten in die menschliche Seele erlauben, die man tatsächlich am besten wohl nur mit einfachen und wenigen Worten erfassen kann.

Die Eddington Parabel

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist folgende Parabel vom britischen Astrophysiker Sir Arthur Stanley Eddington aus “The Philosophy of Physical Science” (1938) – es gibt natürlich auch einige Deutsche Übersetzungen, die finde ich jedoch etwas “hölzern”, daher verwende ich hier gerne das Origininal.

“Let us suppose that an ichthyologist is exploring the life of the ocean. He casts a net into the water and brings up a fishy assortment.

Surveying his catch, he proceeds in the usual manner of a scientist to systematise what it reveals. He arrives at two generalisations:

1. No sea-creature is less than two inches long.

2, All sea-creatures have gills. These are both true of his catch, and he assumes tentatively that they will remain true however often he repeats it.

In applying this analogy, the catch stands for the body of knowledge which constitutes physical science, and the net for the sensory and intellectual equipment which we use in obtaining it. The casting of the net corresponds to observation; for knowledge which has not been or could not be obtained by observation is not admitted into physical science.

An onlooker may object that the first generalisation is wrong.

“There are plenty of sea-creatures under two inches long, only your net is not adapted to catch them.”

The icthyologist dismisses this objection contemptuously.

“Anything uncatchable by my net is ipso facto outside the scope of icthyological knowledge. In short, “what my net can’t catch isn’t fish.”

Or — to translate the analogy — “If you are not simply guessing, you are claiming a knowledge of the physical universe discovered in some other way than by the methods of physical science, and admittedly unverifiable by such methods. You are a metaphysician. Bah!”

Sir Arthur Stanley Eddington: The Philosophy of Physical Science (1938)

Man muss sicherlich nicht sehr lange überlegen, um die Botschaft dieser kleinen, aber sehr bedeutenden Parabel zu verstehen. Wenn man sich jedoch öfter in die Worte hineindenkt, dann werden sie sich zu unzähligen Erfahrungen verdichten, die jeder von uns kennt und die sogar auf gesellschaftliche Tendenzen übersetzbar sind.

Was mich im Moment am meisten beschäftigt und fasziniert, ist die Frage, wie können wir mit Methoden, die aus der Vergangenheit stammen eine Zukunft planen, deren genaue Parameter wir nicht kennen können? Unsere Netze mögen zwar genügen, wenn wir es auf die Fische abgesehen haben, die wir für gewöhnlich fangen, aber was ist mit all den anderen? Und vor allem was ist mit all dem Ungetier, das sogar unseren Netzen gefährlich werden könnte?

Kreative Zukunftsentwürfe

Tatsächlich werden wir auf diese Fragen nie eine Antwort erhalten; die Zukunft bleibt für immer Ungewiss. Wenn wir uns jedoch einbilden, dass wir nur ausreichend Informationen zusammen tragen müssen, um jedes nur denkbare Zukunftsszenario zu simulieren, dann sollten wir dabei bedenken, dass unsere Netze nicht alles einfangen können, nur weil wir glauben, dass die Welt so ist, wie wir sie gerne hätten.

Kreative Zukunftsentwürfe entstehen nur dann, wenn wir bereit sind, uns auch mit dem heute “Undenkbarem” zu befassen.

Die Welt ist und bleibt voller Überraschungen und wer nicht Ausschau nach ihnen hält, wer nicht für alles Mögliche und Unmögliche offen ist und sich nicht auf kreative Zukunftsentwürfe einlässt,  dem kann es gut passieren, dass seine Netze eines Tages sogar für immer leer bleiben.

Es gibt nur eine einzige Art von Sicherheit: die Gewissheit, für überraschende Ereignisse immer mindestens ebenso überraschende Strategien parat zu haben. Um diese Art von Sicherheit zu erlangen, muss man seine Kreativität sehr gut kennen und lernen, ihr zu vertrauen.

Kreativität bietet die einzige zuverlässige Unterstützung, wenn es darum geht, spontan unkonventionelle Ideen zu entwickeln, schnelle Entscheidungen zu fällen und flexibel auf eine Herausforderung zu reagieren, die bevor sie noch nicht in der Realität erschienen ist, völlig undenkbar war.

2017-05-16T18:16:39+00:00

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