Den Zufall lieben.

Am wahrscheinlichsten wird das Unwahrscheinliche eintreten.

Kunst ist ein Spiel mit dem Zufall

Es gibt sicherlich sehr viele gute Gründe Kunst zu lieben, eines der Besten ist es, den Zufall lieben zu lernen.

Vor einigen Jahren habe ich mit dem größten Vergnügen das bemerkenswerte Buch von Nassim Nicholas TalebDer Schwarze Schwan gelesen. Er nutzt die Metapher der Schwarzen Schwäne, um sehr geschickt und nachvollziehbar darauf hinzuweisen, dass wir niemals aufhören dürfen mit dem Unerwarteten zu rechnen, denn so unwahrscheinlich auch manches erscheinen mag, die Wahrscheinlichkeit, dass genau das eintritt, womit niemand gerechnet hat, ist sehr groß.

Und wenn wir ehrlich sind, dann werden wir mehr als ein Ereignis in unserem Leben finden, das ganz und gar nicht unseren Plänen, unseren Erwartungen entsprach. Im besten Fall ist es die “große Liebe”, der wir “zufällig” begegnen, im schlimmsten Fall können winzige Ereignisse zu einer Katastrophe führen, wie wir sie bedauerlicherweise zum Beispiel in Fukushima erleben mussten.

Zufall und die große Ungewissheit in der Kunst

Das bedeutet, dass wir bei allen Bemühungen, möglichst nichts dem Zufall zu überlassen, immer damit rechnen müssen, dass etwas eintritt, womit wir nicht gerechnet haben. Das ist Fakt, das kann man vielleicht sogar als unveränderliches Lebensgesetz zur Kenntnis nehmen und einfach akzeptieren. Tatsächlich ist das keine einfache, es ist sogar eine recht unbehagliche Erkenntnis, denn eigentlich dachten wir seit spätestens dem 19. Jahrhundert, dass wir alles und jenes planen, kontrollieren und nach Belieben gestalten können.

Man könnte ob dieser Ungewissheit vor Schreck erstarren und auf die Idee kommen, dass man nur möglichst viel “richtig” machen muss, um sich vor Unbill jeder Art zu schützen. Das wäre allerdings die Haltung, die nur eines garantiert: nämlich, dass wir bei der ersten Begegnung mit einem Eisberg, der dort ja eigentlich gar nicht sein dürfte, mit großen Getöse untergehen.

Schutzmauern gegen zufällige Ereignisse?

Nein, das wäre ganz und gar nicht richtig. Was aber kann uns helfen, uns gegen den Zufall zu schützen? Sollen wir uns einmauern? Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen? Uns unsichtbar machen und hoffen, dass das Schicksal uns nicht sieht?

Nichts dergeleichen sollten wir tun. Wir sollten uns eher die Schrecken vor Augen führen, die eine Welt in der alles kontrollierbar wäre, zwangsläufig mit sich bringen würde, denn das wäre eine tote Welt, die jede Art von Lebendigkeit verloren hat.

Da wir den Zufall nicht ausschalten können, sollten wir uns viel eher damit beschäftigen, welche Strategien wir zur Verfügung haben, wenn das eintritt, was wir dann im Nachhinein dann gerne als “undenkbar” bezeichnen.

Die Lösung kommt aus der Kunst

Nur die Kunst vermag uns die Freiheit und die Weite vor die Augen zu führen, die am ehesten mit der Komplexität, die uns umgibt mithalten kann. All die abstrakten Formenwelten, die wir malen, repräsentieren die Vielzahl der Ereignisse, die um uns herum gleichzeitig stattfinden und obwohl sie teilweise entscheidenden Einfluss auf unser Leben nehmen können, entziehen sie sich unserer Kontrolle.

Wenn wir uns mit Kunst befassen, dann betreten wir Räume voller Möglichkeiten, dann wechseln wir kurzzeitig von der uns bekannten Dimension in eine andere, die wenn man sie nicht kennt, vielleicht so ähnlich furchteinflössend sein kann, wie eine Zukunft voller Zufälle.

Die Kunst kann uns helfen unsere Furcht vor dem Unerwarteten zu bändigen, sie kann uns zur einzig möglichen Sicherheit verhelfen, nämlich, dass wir fähig sind, zu jeder Zeit und an jedem Ort in jeder x-beliebigen Situation irgendwie zu reagieren. Ob die Strategie, die wir angewendet haben richtig oder falsch war, das kann man im Vorfeld nicht wissen. Was wir aber auf jeden Fall ganz sicher wissen können ist, dass es immer eine Vielzahl von Handlungsoptionen gibt, aus denen wir jederzeit auswählen können.

Sich vor Schreck erstarrt, dem Unvermeidlichen zu ergeben, wenn etwas geschieht, das ganz und gar nicht in geplant war, oder in blinden Aktionismus zu verfallen, sind jedoch die denkbar schlechtesten Methoden auf Unerwartetes zu reagieren. Die Wahrheit liegt, wie so oft irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Um dort hin zu gelangen müssen wir für gesamte Bandbreite unserer Möglichkeiten offen sein; wie auch in der Kunst.

Denn die Geheimnisse, die sich in Bildern hinter dem Offensichtlichen verbergen, offenbaren such auch nur demjenigen, der bereit ist, die ausgetretenen Denkpfade zu verlassen und sich trotz aller Ungewissheit, mutig auf all das Unbekannte einlässt, das unter der Oberfläche auf ihn wartet.

Es gibt nur eine einzige Art von Sicherheit: die Gewissheit, für überraschende Ereignisse immer überraschende Strategien parat zu haben.

Wenn Sie sich tiefergehend mit der Arbeit von Nassim Nicholas Taleb befassen möchten, dann empfehle ich Ihnen gerne auch das 2013 erschienene Buch:  “Antifragilität, Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen”

2017-05-16T18:16:39+00:00

One Comment

  1. Tanja Thordsen 16. Juni 2015 at 17:24

    Liebe Etrelka, schon seit langer Zeit verfolge ich dein künstlerisches Schaffen und deine Gedanken und Kommentare zum Thema Kunst auf dieser Seite. Ich bin absolut begeistert!!! Habe genau das, am Wochenende während meiner Ausstellung erlebt!! Menschen denen dieser Seitenblick verloren gegangen ist haben Schwierigkeiten sich auf diese Art von Kunst einzulassen !! Aber irgendwann, als Kind ,hatten sie ihn vermutlich mal ! Ich denke diese Menschen sollten immer wieder nach diesem Seitenblick suchen und wir müssen sie dabei unterstützen mit unserer Kunst! liebe Grüsse aus dem hohen Norden

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